Das Gericht hat meinen Antrag abgelehnt

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Liebe vegane Kinder, liebe Eltern,

vielleicht habt Ihr es schon in der einen oder anderen Zeitung gelesen: das Verwaltungsgericht Berlin sagt, dass vegane Kinder in Berlin kein veganes Schulessen bekommen müssen. So interpretiert die Presse jedenfalls das 'Urteil'.

Klage eingereicht
Antrag abgelehnt

Ich habe mir natürlich auch ein anderes Ergebnis gewünscht. Allerdings ist es nicht ganz so drastisch, wie die Presse darüber berichtet. Tatsächlich handelt es sich nur um einen Beschluss, kein Urteil, mit dem mein Antrag auf Prozesskostenhilfe abgelehnt wurde. Über die eigentliche Sache, die Lieferung veganen Essens, wurde noch nicht entschieden!

Trotzdem ist die Begründung der Entscheidung des Verwaltungsgerichts so schlecht, dass ich mich dafür fremdschäme:

Einfach nur peinlich

Zum einen hat die DGE ja vor ein paar Tagen eine Stellungnahme abgegeben, die ich dem Gericht überreicht habe. Diese Stellungnahme kam leider 1 Tag zu spät, wurde also in der Entscheidung nicht berücksichtigt! Blöder Zufall. Das Gericht hat allerdings im Beschluss ganz klar festgehalten, dass die Empfehlungen der DGE (in Form des 'Qualitätsstandard für Schulverpflegung') - Achtung, jetzt kommt's - 'zwingend zu beachten' sind.
Obwohl man aber auf die Einhaltung der DGE-Richtlinien pocht, wurde leider versäumt, mal kurzerhand bei der DGE nachzufragen, ob das überhaupt alles so stimmt, was die Senatsverwaltung behauptet den lieben langen Tag. Da hätte das Gericht nämlich noch rechtzeitig erfahren, dass bereits auf meine Anfrage hin eine Stellungnahme in Arbeit ist, die dem Senat in vielen Punkten widerspricht!

Doch auch davon abgesehen ist die Begründung des Gerichts offensichtlich fehlerhaft. Im Großen und Ganzen hat man sich nicht die Mühe gemacht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ganze Passagen wurden Wort für Wort aus der Stellungnahme der Senatsverwaltung übernommen - inklusive inhaltlicher Fehler.

Selbstverständlich versteift sich das Gericht auch wieder auf Aussagen wie 'veganes Essen führt zu Nährstoffmangel bei Kindern'. Eine Aussage, die die DGE selbst inzwischen widerlegt hat. Inwiefern es diesen armen Kindern helfen soll, gar kein Essen in der Schule zu bekommen, verrät uns das Gericht nicht. Bin das nur ich, oder besteht hier ein grober logischer Fehler??

Trockene Kartoffeln als Schulessen?? (Bild: MarkusHagenlocher, CC-BY-SA-3.0)
Trockene Kartoffeln als Schulessen?? (Bild: MarkusHagenlocher, CC-BY-SA-3.0)

Ein wichtiges Hindernis für die Teilhabe veganer Kinder an der Gemeinschaftsverpflegung sah das Gericht darin, dass unser Caterer (Sunshine) sich dumm stellt und behauptet, nicht zu wissen, wie veganes Essen geht. Dass Kinder mit bestimmten attestierten Nahrungsmittelunverträglichkeiten allerdings sehr wohl (quasi) veganes Essen bekommen, und der Caterer vertraglich dazu verpflichtet ist? Schwamm drüber. Selektive Amnesie im Falle veganer Anfragen. Passiert Caterern schon mal. Aber dem Verwaltungsgericht Berlin?? Ich schäme mich so...!

Komplett unberücksichtigt blieb außerdem die Tatsache, dass Eltern veganer Kinder das Mittagessen aus eigener Tasche finanzieren müssen, während allen anderen einkommensunabhängig (!) eine Subventionierung gewährt wird, weil das Schulamt einen Teil der Kosten (ca 30%) für das Mittagessen trägt. Besonders hart davon betroffen sind Kinder mit Berlin-Pass, die normalerweise eine zusätzliche Ermäßigung erhalten und nur 1 Euro pro Essen bezahlen. Vegane Kinder mit Berlin-Pass können an dieser Erleichterung, die offiziell 'Bildung und Teilhabe' genannt wird, NICHT teilhaben. Eine Ungleichbehandlung sieht das Gericht hier nicht. o.O

Es gibt tatsächlich Caterer in Berlin, die bereit wären, veganes Essen zum Festpreis des Schulessens zu liefern. So kommt das Gericht zu dem Fazit, dass es mir 'unbenommen bleibt', von einem dieser anderen Caterer veganes Essen liefern zu lassen.
Leider geht diese Rechnung natürlich nicht auf, denn der 'Festpreis' (3,25 Euro) ist der Preis, den normalerweise das Schulamt an den Caterer bezahlt - die Eltern bezahlen nur einen Teil davon (1,85 Euro), Berlinpass-Inhaber*innen einen noch geringeren Teil (1 Euro). Aus eigener Tasche bezahlen kann ich den Festpreis von 3,25 Euro also gar nicht, sonst hätte ich ja auch keinen Anspruch auf Prozesskostenhilfe.
Das bedeutet, dass ich finanziell nicht dazu in der Lage bin, meinem Kind ein Mittagessen mit in die Schule zu geben, das den Empfehlungen der DGE entspricht, also den Nährstoffbedarf meines Kindes deckt. o.O
Noch mal ganz langsam für das Verwaltungsgericht: ein Schulessen kostet in Berlin 3,25. Eltern bezahlen davon 1,85 oder 1 Euro (mit Berlin-Pass). Es bleibt mir also 'unbenommen', mal eben 2,25 mehr pro Essen (also 45 Euro im Monat) zu bezahlen, und darin besteht KEINE Ungleichbehandlung? In was für einer schrägen Paralell-Realität leben die Richter am Verwaltungsgericht eigentlich?

Noch eine Perle zum Abschluss: Es findet keinerlei Bewertung oder Herabsetzung der veganen Lebensweise durch den Schulträger statt. Auch nicht, in dem man vegane Ernährung als 'Mangelernährung' bezeichnet, und damit den Eltern den Kinder gegenüber unterstellt, die Gesundheit der Kinder zu riskieren. Das finde ich interessant... Ich kann also getrost auch die Rechtsprechung am Verwaltungsgericht Berlin in meinem Fall als Mangelrechtsprechung bezeichnen, die die Gesundheit veganer Kinder in Gefahr bringen kann. Das ist jetzt überhaupt gar kein bisschen abwertend oder herabsetzend gemeint.

Wie geht es weiter?

Schulkinder dürfen nicht vegan sein??
Schulkinder dürfen nicht vegan sein??

Wie schon die Begründung der Senatsverwaltung zuvor, ist der Beschluss des Verwaltungsgerichts für vegane Kinder der pure Hohn. Es wird kein einziges meiner Argumente aufgegriffen. Schon Grundschüler*innen verstehen das Unrecht, das hier vom Gericht als 'Rechtsprechung' verkauft wurde, in der Hoffnung, dass es keiner merkt. Darum ist es für uns keine Frage, dass es weitergeht.

Dabei brauchen wir natürlich EURE mentale Unterstützung mehr denn je! :)

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Kommentare und Meinungen

  1. Weitermachen. Durchhalten. Der Weg stimmt und es ist nur eine Frage der Zeit bis das Unrecht besiegt ist, auch wenn wahrscheinlich Deine Kinder dann schon Studenten sein werden

  2. kopfschütteln..die zuständigen befassen sich nicht ernsthaft mit der sache, ignorieren tatsachen, weil diese unangenehm sind, argumentieren einfach falsch,.-was soll das denn sein?
    wir sollten eine aktion starten die zeigt das es sehr viele menschen gibt die eine vegane ernährung, auch in schulen, wollen. aktion zb in form unterschriften sammeln, umfrage, sammelklage etc.fakten sammeln welche die gesundheit veganer ernährung aufzeigen, dazu gibts mitlerweile einiges.. irgendwas wird doch ,ohne größere kosten umsetzbar sein. ich denke es wäre gut und wichtig aufzuzeigen das viele hinter euch stehn und das die entscheidungsträger aufgrund mangelnder, bzw. falscher informationen gar nicht entscheidungsfähig sind!..
    diese ungerechtigkeit macht wütend. viel kraft weiterhin ♥

  3. Vielleicht könnte es helfen darauf hinzuwesien, dass es inzwischen Länder gibt wo das kein Problem mehr ist. Z.B. hat in Italien das Gesundheitsministerium selbst ausdrücklich die Schulen darauf aufmerksam gemacht, dass es nur eine schriftliche Anfrage der Eltern braucht. Darauf MÜSSEN die Schulen veganes Essen anbieten und das ohne ärztliches Attest und egal ob wegen religiösen oder ethischen Gründen. Vielleicht wird dann Veganismus den Ministerien, Nahrungswissenschaftler, Richter, usw. hier auch etwas weniger weltfremd erscheinen...

  4. Hallo, ich verfolge Dein Vorhaben schon lange schweigend über den Newsletter, ich finde es toll, dass Du Dich für veganes Essen an Schulen einsetzt und muss regelmäßig mit auf die zuständigen Behörden schimpfen. Ich drücke Euch weiter die Daumen - gib nicht auf - jemand muss aus dem Gebiet ein Pionier sein :))

  5. Ich hoffe deine Seite hilft dabei, dass es für unsere Enkel selbstverständlich sein wird, ind er Schule vegan zu mittag essen zu können ( oder generell zu essen ).
    :-)
    Bei den eigenen Kindern hat es leider nicht geklappt...

  6. Da es praktisch keinen nicht gesundheitsschädlichen Konsum tierischer Lebensmittel (Ausnahme: Honig) gibt, hätte es heißen müssen "gesundes" Essen. "Vegan" allein sagt nichts darüber aus, ob es sich um gesundes Essen handelt. "Vegan" ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für "gesund". Chips und Cola, zu Tode verarbeitete und in Öl ertränkte Gerichte und Fakeprodukte mit tausend Zusatz- und Hilfsstoffen sind vegan, aber als Richter würde ich nicht sehen, wo da ein Nutzen für die Kinder sein Soll. Mit anderen Argumenten als dem Kindeswohl braucht man denen nicht kommen, deswegen muss jede Initiative in dem Zusammenhang ausschließlich darauf ausgerichtet sein.

    Die anzustrebende Ernährung für Kinder heißt nicht "vegan", sondern "whole foods plant based". Eine solche Ernährung ist vegan, derüber hinaus aber auch gesund. Siehe z.B. http://www.pcrm.org/health/healthy-school-lunches/healthy-school-lunch-menu

    • Steffen Jurischreplied:

      Hallo HighCarb Schwabe - endlich, endlich kann ich da nur sagen, finde ich mal einen Beitrag eines Veganers, der sich wirklich mit der Materie befasst hat. Danke für die Erläuterungen - denn es ist völlig richtig, viele Veganer die auf den "zur aufgesprungen" sind essen total ungesundes Zeugs, weil auch die Industrie den Absatzmarkt erkannt hat - siehe "Rügenwalder". Noch eine gute und informelle Seite ist http://www.nutritionfacts.org des Dr. Michael Greger.

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