Mein Widerspruch

Ein Beitrag von:

Liebe Mitkämpfer*innen für veganes Essen an Schulen!

Ich habe heute meinen Widerspruch eingereicht gegen den Bescheid, mit dem die Lieferung veganen Essens für meine Tochter abgelehnt wurde. Da in dem Bescheid alle (!) meine Argumente aus der Anhörung ignoriert wurden, habe ich die noch mal beigefügt - und verbessert! :P

Ich gehe davon aus, das der Widerspruch zurückgewiesen wird. Damit wäre dann der Weg frei für eine Klage.

Was Veganer*innen essen
Was (vegane) Kinder in der Schule essen KÖNNTEN
Trockene Kartoffeln (CC0 Public Domain)
Was sie tatsächlich essen (CC0 Public Domain)

Hier ist meine

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Begründung:

Gewissensentscheidung nach Art. 4 GG

Meine Tochter ernährt sich freiwillig aus ethischen Gründen vegan. Sie bewertet grundsätzlich alles Leben von leidensfähigen Lebewesen gleich. Diese Einstellung hat Einfluss auf ihr gesammtes Leben, ihr Handeln und ihr Konsumverhalten - nicht nur auf die Ernährung. So lehnt sie z.B. auch das Tragen von Leder oder Wolle ab, Besuche von Zoo und Zirkus, das Halten von Tieren als Haustiere und Reiten. Sie empfindet sogar Mitleid mit den Tieren auf dem Abenteuerspielplatz, weil sie eingesperrt sind, obwohl es denen relativ gut geht.

Es handelt sich daher im Gegensatz zu rein gesundheitlich motivierten Ernährungsformen um eine Weltanschauung, um eine Gewissensentscheidung, die laut Grundgesetz der BRD geschützt ist. Das heißt, niemand darf einen Menschen - auch kein Kind - dazu zwingen, gegen sein Gewissen zu handeln. Wenn ein Kind aufgrund ethischer Bedenken, also einer Gewissensentscheidung, keine Nahrung konsumieren möchte, für die Tiere leiden und sterben müssen, ist diese Haltung grundsätzlich zu respektieren.

Tierschutzunterricht

Grundsätzlich werden Kinder in den Schulen zu respektvollem Umgang mit Tieren erzogen. An unserer Schule gab es z.B. einen 'Tierschutzunterricht'. Eine Lehrerin brachte den Kindern bei, wie man Tiere (in diesem Fall allerdings 'nur' Haustiere) richtig und respektvoll behandelt. Credo: 'Tiere sind unsere Freunde'.
Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu der Tatsache, dass meine Tochter gezwungen werden soll, durch ihren Konsum von entsprechenden Nahrungsmitteln, Gewalt an Tieren zu unterstützen. Aus ihrer Sicht besteht kein Unterschied zwischen den Rechten von Katzen und Kühen. Warum andere diesen Unterschied machen, versteht sie nicht.

Die Empfehlung der DGE

Der Schulträger folgt mit der Entscheidung, veganes Essen an Schulen zu verbieten, einer Empfehlung der DGE, die vegane Ernährung von Kindern aus rein physischer Sicht für nicht geeignet hält. Der Schulträger geht also offenbar davon aus, dass vegane Kinder auf die von der DGE empfohlenen Speisen ausweichen, wenn sie kein veganes Essen erhalten. Diese Strategie mag bei Kindern funktionieren, die aus geschmacklichen Gründen oder reiner Gewohnheit ungesunde, z.B. fette oder süße Speisen bevorzugen, und zu gesünderem Essverhalten erzogen werden sollen. Für vegane Kinder, die aus Gewissensgründen tierische Produkte ablehnen, gilt das nachweislich NICHT.

Eine Befragung unter den Eltern unseres Elternnetzwerkes 'Vegane Kinder wollen essen' hat ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der veganen Kinder der Empfehlung der DGE eben NICHT folgt. Einem Teil der Kinder ist es außerdem nicht gestattet, eigenes Essen mit in den Speiseraum zu bringen. Dadurch sind diese Kinder gezwungen, sich aus dem Essenangebot vegane Bestandteile 'herauszupicken'. Oft handelt es sich dabei um einen einzigen Apfel, trockene Kartoffeln oder Reis. Auch meine Tochter gehörte zeitweise zu diesen Kindern. Ob sie ihre mitgebrachte Nahrung zu sich nehmen kann, hängt direkt vom Wohlwollen der Erzieherin ab!

Die Einschätzung der DGE, sollte diese hier allein als Entscheidungshilfe herangezogen werden, muss also die Lebensrealität der veganen Kinder berücksichtigen, und bewerten, was diese Kinder tatsächlich essen. Es genügt hier eindeutig nicht, den Nährgehalt der Speisen zu beurteilen, die diese Kinder essen KÖNNTEN, aber faktisch gar nicht essen.
Darum möchte ich Sie - nochmals - bitten, die DGE dazu zu befragen, wie sich das 'Weglassen', also das Reduzieren der Speisen auf vegane Bestandteile, auf die Gesundheit der Kinder auswirkt - vor allem im Vergleich mit gut geplanter veganer Kost, inkl. Supplementierung problematischer Nährstoffe.

Supplementation

Der Standpunkt der DGE zum Thema Supplementation ist mir bekannt, spielt aber in unserem Fall keine Rolle. Meine Tochter ernährt sich auch zu Hause vegan und supplementiert daher kritische Nährstoffe sowieso. Dies liegt außerhalb des Verantwortungsbereichs des Schulträgers und der Caterer, und ist daher als Hinderungsgrund für die Gestellung veganen Essens nicht relevant.

Unabhängig davon ist der Standpunkt der DGE hier generell kritisch zu hinterfragen:

  1. Es gibt unzählige Lebensmittel-Produkte auf dem Markt, denen künstlich Vitamine und andere Vitalstoffe zugesetzt sind, auch B12. Viele dieser Produkte sind eindeutig NICHT auf vegane Ernährung abgestimmt, unter anderem Cornflakes, Müsliriegel, Multi-Vitamin-Saft, Bon-Bons, und vor allem viele Milchprodukte, wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in einer Studie festgestellt hat. (Quelle im Anhang)
  2. B12 wird ausschließlich durch Mikroorganismen im Darm produziert, und da 'Nutztiere' durch übermäßige Gabe von Antibiotika im Futter regelmäßig nicht über eine funktionierende Darmflora verfügen, wird B12 dem Tierfutter, ja sogar Fleisch und Fleischprodukten zugesetzt.

Die Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen ist also offenbar für alle Ernährungsformen kritisch. Es wird standardmäßig supplementiert und daher die Versorgung - auch von omnivor oder ovo-lacto-vegetarisch lebenden Menschen - NICHT auf natürliche Weise erzielt, wie von der DGE erwünscht.

Die 'natürliche' Versorgung mit Nährstoffen ist als Argument gegen eine vegane Ernährung damit hinfällig.

Gesundheitsrisiko

Laut DGE geht eine vegane Ernährung bei Kindern mit einem Gesundheitsrisiko einher.

„Da sich mit dem Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel das Risiko für Nährstoffdefizite erhöht, hält die DGE eine rein pflanzliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindesalter für nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen.“ (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Vegane Ernährung: Nährstoffversorgung und gesundheitsrisiken im Säuglings- und Kindesalter. DGEinfo (04/2011) 48-53)

Mangelerscheinungen durch vegane Ernährung von Kindern sind selbst laut DGE konjunktiv ('erhöhtes Risiko'), und beziehen sich meist auf sehr spezielle Formen veganer Ernährung, z.B. Rohkost oder Makrobiotik, oder auf fehlende Supplementierung.

In der Praxis lässt sich dieses jedoch durch Supplementation und regelmäßige ärztliche Kontrollen ausschließen. Davon abgesehen schützt auch eine omnivore Ernährung nicht pauschal vor Mangelernährung.
Meine Tochter ist - durch entsprechende Bluttests nachgewiesen - kerngesund. Es ist ausgeschlossen, dass einer der von der DGE beschriebenen Mängel unentdeckt entstehen kann. Sollten sich ihre Blutwerte verschlechtern, werden sofort Gegenmaßnahmen ergriffen, BEVOR es zu einem Mangel kommt!

Das DGE-Positionspapier

Die DGE spricht sich gegen eine vegane Ernährung von Kindern aus. Dieser Ansicht wird von einigen renommierten Ernährungswissenschaftlern widersprochen, allen voran von der Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung (Academy of Nutrition and Diatetics), der Kanadischen Gesellschaft für Ernährung (Dietitians of Canada) und der weltweit größten Vereinigung von Kinderärzten American Academy of Pediatrics (AAP). (Quelle: Position of the American Dietetic Association: Vegetarian diets, in: J Am Diet Ass 109, 1266–82)

Das DGE-Positionspapier weist dazu noch gravierende Mängel beim Nachweis der behaupteten Aussagen auf, die das formulierte Ergebnis grundsätzlich infrage stellen. Die wesentlichen dieser Mängel sind:

  • Mehr als die Hälfte der zitierten Studien über angebliche Veganer betraf Anhänger von Ernährungslehren, die sich von veganer Ernährung deutlich unterscheiden.
  • Selbst von den verbleibenden Studien ist es bei einem Teil fraglich, ob sie Veganer betreffen; sie machen andere Aussagen, als die von der DGE zitierten; oder entlasten die Vorwürfe.
  • Es wurden mehrere veraltete Studien herangezogen, obwohl deren Ergebnisse auf die heutige Zeit kaum übertragbar sind.
  • Viele zitierte Studien wurden einseitig negativ ausgewertet, positive Aussagen über vegane Ernährung wurden nicht mit aufgenommen. Andersherum wurden die Risiken nicht-veganer Ernährung bei den jeweiligen Nährstoffen selten erwähnt.
  • Die Recherche von Studien über vegane Ernährung erfolgte offensichtlich selektiv. Relevante Studien, die hätten gefunden werden müssen (weil sie von einem mehrfach zitierten Autor stammen oder in einer unter den Quellen stark vertretenen Zeitschrift veröffentlicht wurden), wurden nicht herangezogen.

(Quelle: http://vegane-gesellschaft.de/archives/62-Veganer-und-Nicht-Veganer.html)

Pädagogische Aspekte

Die Ausgrenzung veganer Kinder vom gemeinsamen Mittagessen verursacht Schäden an den Kindern im psycho-sozialen und seelischen Bereich. Sowohl an den Ausgegrenzten, als auch an der gesamten Gruppe. (Stichworte Inklusion, Umgang mit Andersdenkenden, etc...!)
Die veganen Kinder stehen vor der Wahl, entweder ein auf vegane Bestandteile reduziertes Mahl zu sich zu nehmen (trockene Kartoffeln, Obst, Salat) oder ihr Gewissen zu unterdrücken. Letzteres führt häufig im Nachhinein zu extremen Gewissenskonflikten. Vegane Kinder absichtlich in diese Situation zu bringen, entspricht daher nicht dem Kindeswohl und ist nicht durch eine einseitige 'Empfehlung' der DGE (eines eingetragenen Vereins, keiner Behörde!) zu rechtfertigen, auf Supplementierung zu verzichten.

Die anderen Kinder der Gruppe lernen, dass Andersdenkende entweder anzupassen oder eben auszugrenzen sind, sollten sie sich nicht fügen. Es findet quasi eine Bestrafung von mitfühlenden Kindern statt. Das kann nicht im Sinne einer demokratischen Grundordnung sein.

Die faktisch auftretenden psycho-sozialen, emotionalen und seelischen Verletzungen, die durch die gängige Praxis der Ausgrenzung künstlich verursacht werden, stehen gegenüber dem 'erhöhten Risiko' einer Mangelernährung, das sich durch Supplementierung vollständig vermeiden lässt. Hier ist unbedingt eine Abwägung vorzunehmen!

Der Qualitätsstandard der DGE

Doch auch in der 'Empfehlung' der DGE, nämlich dem 'DGE-Qualitätsstandard für die Schulverpflegung', finden sich interessante, für unser Thema relevante Punkte wieder. Zumindest am Rande geht auch die DGE auf pädagogische Aspekte der Nahrungsaufnahme ein und sei hier zitiert:

'Die Schule als Ort des Lehrens, Lernens und Lebens versammelt Menschen unterschiedlichster Herkunft, persönlicher, familialer und kultureller Erfahrungen und Prägung. Der Umgang miteinander und die Qualität sowie Intensität der Beziehungen üben einen entscheidenden Einfluss auf das Lernklima aus.'

Oder:

'Für jeden Schüler ist eine Ernährungs- und Verbraucherbildung fächerübergreifend zu gewährleisten. Hierfür sind Standards zu entwickeln.'

Oder:

'Essen ist immer Teil der Identität und vermittelt Geborgenheit und Sicherheit. Die Präferenzen beim Essen sind zwar stark kulturell geformt, aber sie sind über Gewohnheiten auch wandelbar. Schulverpflegung muss dieses beachten. Zur Berücksichtigung der sozialen und psychischen Bedeutung des Essens sollten die Vorlieben und Abneigungen der Schüler beachtet werden.'

(Hervorhebung durch mich)

Die Vorgaben sind in ihrer Gesamtheit zu beachten, wenn sich der Schulträger schon exklusiv darauf bezieht, oder eben gar nicht.

Ethische und religiöse Aspekte

Laut der Musterausschreibung müssen die Caterer 'ethische und religiöse Aspekte angemessen berücksichtigen'. Es gibt an Berliner Schulen täglich ein 'vegetarisches' Essen, wie Sie behaupten, das heißt grundsätzlich ist die Bereitschaft vorhanden, ethische Aspekte zu berücksichtigen. 'Vegetarisch' ist aber per Definition (siehe Duden) rein pflanzlich! Ihre Behauptung ist daher falsch.

Aus ethischer Sicht ist ovo-lacto-vegetarisches Essen auch nicht besser als Fleisch, denn auch für Milch und Eier sterben Kälber und Küken. Das Töten z.B. männlicher Küken im Rahmen der Eierproduktion geschieht aus rein wirtschaftlichen Motiven. Ob das überhaupt mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist, beschäftigt zur Zeit die Gerichte, denn das Bundesland NRW hatte per Erlass diese Praxis untersagt.

Für ovo-lacto-vegetarisches Essen sterben also Tiere, auch wenn deren Fleisch nicht in der Nahrung enthalten ist. Die Trennung von ovo-lacto-vegetarisch und vegan ergibt aus ethischer Sicht also keinen Sinn, sondern nur aus rein physiologischer. Die Lieferung ovo-lacto-vegetarischen Essens kann daher nicht als Berücksichtigung ethischer Aspekte gelten.

Da die Gestellung 'vegetarischen' Essens aber seitens der Verwaltung mit der Berücksichtigung ethischer Aspekte begründet wird, ergibt sich daraus ein Anrecht auf Gestellung veganen Essens unter Berufung auf den Gleichbehandlungsgrundsatz. Da die Gestellung veganen Essens keinen finanziellen oder personellen Mehraufwand mit sich bringt und Gesundheitsrisiken ausgeschlossen werden können, darf hier keine Differenzierung erfolgen.

Die Lieferung veganen Essens ist also nicht unangemessen im Sinne der Ausschreibung.

Grundsatz der Gleichbehandlung

Veganen Kindern muss ermöglicht werden, am gemeinsamen Mittagessen teilzunehmen, so wie Kindern mit Nahrungmittelunverträglichkeiten. Für beide gibt es nicht die Möglichkeit, ohne gesundheitliche Schäden (physischer, psycho-sozialer oder seelischer Art), das Standard-Essen zu konsumieren. Beide sind in dieser Sache in ihrer Entscheidung nicht frei. (So wie Menschen z.B. auch nicht frei sind in der Entscheidung, andere Menschen zu töten, weshalb das Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe im Grundgesetz verankert ist.)
Die Caterer sind verpflichtet, bei Vorlage eines ärztlichen Attests entsprechende Diät-Menüs herzustellen, müssen also logistisch offenbar dazu in der Lage sein. Außerdem ist die Herstellung veganen Essens ist nicht teurer, dies hat mir ein Caterer bestätigt, der veganes Essen an Schulen in Berlin liefert.

Da vegane Kinder allein auf Grund ihres Gewissens, vom gemeinsamen Mittagessen ausgeschlossen werden, während anderen auf alternative Ernährung angewiesenen Kindern (sowohl Allergiekindern, religiös lebenden Kindern, als auch 'Vegetariern') die Teilhabe am gemeinsamen Mittagessen gewährleistet wird, handelt es sich hierbei um eine Ungleichbehandlung. Wenn es Diätessen, vegetarisch, halal und koscher gibt, muss es auch vegan geben.

Auch hier darf keine Differenzierung erfolgen - sowohl aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), als auch Art 3 ivm Art 4 GG ergibt sich ein Teilhabeanspruch.

Untersuchungsgrundsatz

Schon $24 VwVfG schreibt vor:

(2) Die Behörde hat alle für den Einzelfall bedeutsamen, auch die für die Beteiligten günstigen Umstände zu berücksichtigen.

Die ist bisher nicht geschehen. Eine Entscheidung zum Thema veganes Schulessen zu treffen, ohne die oben genannten Punkte auch nur im Ansatz zu berücksichtigen, bzw. diesbezüglich - nachweislich (!) - Expertenrat einzuholen, stellt ein inakzeptables Versäumnis seitens der Entscheidungsträger dar.

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